Wer wissen will, was Hochbegabte wünschen, fragt am besten sie selbst
In ihrer Dissertation über hochbegabte Kinder wundert sich Eva-Maria Saßenrath: »Nach Sichtung der Literatur zum Thema ›Eltern/Familie und außergewöhnliche Befähigung‹ fiel mir auf, daß selten die Kinder selbst zu Wort kamen bzw. befragt wurden« (1990, S. 21). Auch wenn es um das Für und Wider von Förderangeboten geht, wird oft über Hochbegabte diskutiert statt mit ihnen, obwohl sie ja durchaus auskunftsfähig und auch auskunftswillig sind: Wer sich etwa mit Mitgliedern des Hochbegabtenvereins Mensa über ihr Leben unterhält, bekommt die unterschiedlichsten Erlebnisse anschaulich und differenziert erzählt. Viele Mensa-Mitglieder machen sich Gedanken über die Frage, wie ihre Kindheit, Schulzeit und Ausbildung hätte besser verlaufen können, was hilfreich war oder was ihnen fehlte. Um diese wertvollen Erfahrungen und Überlegungen zu dokumentieren, bat ich sie aufzuschreiben, wie sich ihre Begabung auf ihr Leben auswirkte und noch auswirkt und welche Förderung sie sich wünschen.
Die Resonanz war überwältigend: 304 Mensa-Mitglieder beteiligten sich und schickten per e-Mail oder Brief hochinteressante Texte über ihr Leben und ihre Wünsche. Art und Umfang der Beiträge unterschieden sich sehr. Sie reichten von einigen Sätzen bis zu einem neunseitigen Bericht, von eher allgemeinen Überlegungen bis zu sehr persönlichen Schilderungen. Einige Mitglieder sind in der Hochbegabtenförderung engagiert, so daß sie ihre Einstellung auch schon in anderem Kontext geäußert haben. Andere betonten, daß sie erst durch die Anfrage angeregt wurden, über das Thema nachzudenken oder üblicherweise nicht darüber sprechen: »Bis zu Deiner Mail hatte ich mir eigentlich noch keine besonderen Überlegungen zur Förderung von Hochbegabten gemacht, somit geben die nachfolgenden Punkte eher eine Momentaufnahme meiner Gedanken hierzu wieder. Ist aber ein interessantes Thema«, »Wenn ich mir die Mail noch mal durchlese, fällt mir auf, daß ich diese Gedanken noch nie jemandem mitgeteilt habe! Allein die Mail eines völlig Fremden scheint eine Barriere zu brechen, die ich zu bekannten Menschen nicht überwinden würde, um das Thema ›Intelligenz‹ nicht prahlerisch zu nutzen, um mich als tollen Hecht darzustellen«.